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Donnerstag, 6. Januar 2022

Couchsurfing in Kakuma - einem der größten Flüchtlingslager weltweit


Kakuma, Kenia

 

Es mag sich zwar recht ungewöhnlich anhören, aber ich habe tatsächlich einen Couchsurfing-Gastgeber im Flüchtlingslager in Kakuma finden können. Er heißt Jonathan und ist Flüchtling aus dem Kongo. Ich konnte also mittendrin im Lager sein und mit den Leuten dort den Alltag live miterleben. Die Möglichkeit auf so ein Abenteuer hat man bestimmt nicht alle Tage. Nun aber von Anfang an:


Das Flüchtlingslager in Kakuma

Im Norden Kenias, inmitten einer dürren Wüste, nahe an der Grenze zum Südsudan und zu Uganda, liegt Kakuma, eines der größten Flüchtlingslager der Welt. Etwa 200.000 Flüchtlinge leben in dem Camp. Sie kommen hauptsächlich aus dem Südsudan, Äthiopien, Somalia und dem Kongo. Wasser und Strom sind Mangelware und deshalb nur wenige Stunden am Tag rationiert verfügbar und das bei weitem nicht für alle. Mit kreativen Geschäftsmodellen versuchen sich die Leute dort irgendwie über Wasser zu halten und haben sich somit eine eigene Infrastruktur geschaffen. Die Flüchtlings-Siedlungen sind in vier Camps eingeteilt: Kakuma 1 bis 4. Im Jahr 1992 hat Kakuma erstmals die Tore für Flüchtlinge geöffnet, seitdem stieg die Anzahl stetig an. Es wurde bereits mehrmals erfolglos versucht das Lager aufzulösen. Wo sollten diese ganzen Menschen denn auch hin? Sie leben teilweise schon in der zweiten Generation hier in dieser trockenen Einöde ohne befestigte Straßen und ohne sichere Strom- und Wasserversorgung. Ursprünglich war es als Übergangslager für etwa 30.000 - 40.000 Kinder und Jugendliche aus dem Südsudan gedacht, die sogenannten "Lost Boys". Mittlerweile haben die meisten hier, trotz der fruchtbaren Lebensumstände, die Hoffnung jedoch aufgegeben, diesen Ort einmal verlassen zu können. Die Wellblech- und Lehmhütten sind schlecht belüftet und überbelegt. Einen ganz spannenden Zeitungsartikel zu dem Flüchtlingslager habe ich => HIER <= noch gefunden. 


Abendstimmung auf einem kleinen Berg bei Kukuma


Die Fahrt von Lodwar nach Kakuma

Kurz bevor ich am Mittwoch Morgen nach Kakuma aufbrach, meldete sich Jonathan noch bei mir mit einer wichtigen Nachricht: Ausländer seien im Flüchtlingslager eigentlich verboten. Zugelassen wären nur Hilfsorganisationen mit speziellen Genehmigungen. Bevor wir ins Lager fahren wäre eine eingehende Polizeikontrolle, bei der ich mich ausweisen müsste und einige Fragen beantworten sollte. Ich dürfte dabei keinesfalls sagen, dass ich das Lager betreten werde, sondern sollte einfach erzählen, ich würde Freunde besuchen. Na das klang ja nun wieder nach einem ziemlichen Abenteuer. Ich konnte also nur inständig hoffen, dass ich durch die Polizeikontrolle komme. 


Von Lodwar aus fahren sogenannte Toyota Probox nach Kakuma ab. Die Fahrt kostet 700 Ksh und dauert etwa 90 Minuten. Gedacht wäre das Gefährt für fünf Personen. Ratet mal wie viele wir im Endeffekt waren! Dreizehn Personen und noch zwei lebendige Ziegen am Dach *lach*. Vier Personen auf den zwei Vordersitzen, fünf auf der Hinterbank und noch vier Massai im Kofferraum. Mit Sicherheitsabständen wegen Corona läuft da nicht viel. Aber das ist sowieso kein großes Thema hier. Wir saßen fast aufeinander und das in der fast unerträglichen Hitze. 


Ich war recht nervös als wir die Straßensperre der Polizei erreichten. Der schwer bewaffnete Polizist war wohl ein guter Freund des Fahrers. Die beiden plauderten ein Weilchen. Dazwischen konnte ich mehrmals das Wort "Muzungu" vernehmen, aber ansonsten schenkten sie mir keine Beachtung. Wow, da hatte ich nun wohl wirklich ein Riesenglück. 


Angekommen im Flüchtlingslager

Auf dem kleinen Busbahnhof in Kakuma angekommen, versicherte sich die nette ältere Dame, die mit mir im Fahrzeug saß, mehrmals, ob ich denn eh abgeholt werde und ob sie mich nun alleine lassen könne. Auch ein weiterer Fahrgast fragte mich mehrmals, ob ich noch Hilfe bräuchte. Sehr liebe und fürsorgliche Menschen hier. Jonathan meinte aber, er sei schon am Weg hierher. Ein bewaffneter Sicherheitsbeamter winkte mich zu sich in den Schatten unter einen Baum. Wenige Minuten später kam Jonathan mit einem Moped an. Freudestrahlend empfing er mich .


Wir fuhren in Richtung Camp Nr. 1. Jonathan zeigte mir sein Zuhause. Ein minikleiner Raum in einer Welchblechhütte. Darin hatte nichts anderes als ein Bett und ein Stuhl Platz. Ich sollte bei seiner Nachbarin Abi unterkommen. Sie wohnt gleich neben ihm, ebenso in einer Wellblechhütte. Abi ist Kenianerin und arbeitet als Lehrerin im Flüchlingslager. Ihr Zuhause ist minimal größer. Abi umsorgte mich wie eine fürsorgliche Mutter. Sie bereitete mir ein schönes Bett vor und versicherte sich immer wieder, dass es mir gut geht. Strom und Wasser gibt es im Moment keinen. Die wenigen Stunden in denen es Wasser gibt, wird es sogleich in Kanister abgefüllt, damit man später etwas als Reserve hat. Die Toilette ist eine kleine Hütte etwas außerhalb vom Haus - also im Prinzip ist es nur ein Loch im Boden. Dieses Toilettenhäuschen teilt sich die komplette Nachbarschaft. Als Jonathan erzählte, dass gestern eine etwa ein Meter lange schwarze Schlange aus dem Kloloch kam, fand ich das nicht so prickelnd. 


Johnathan und Abi wohnen etwa fünf Meter neben den Zäunen vom Camp eins. Früher wohnte er direkt im Camp, dort wären die Unterkünfte gratis. Hier außerhalb des Zaunes müsste er umgerechnet etwa 30 Euro im Monat für sein kleines Zuhause zahlen. Das kann er sich aber leisten, da er es mittlerweile geschafft hat ein paar kleinere Einnahmequellen zu generieren. Die Tore zum Flüchtlingslager sind tagsüber geöffnet und wir besuchten öfters Freunde von Jonathan, die dort leben. Was mich wirklich verwundert ist, wie herzlich mich alle aufnehmen. Die Nachbarschaft von Jonathan ist wie eine große Familie. Jeder hilft jedem zu jederzeit. Geheimnisse kann man sowieso keine haben, da man von Wellblechhütte zu Wellblechhütte so gut wie jedes Wort hindurch hört. Verschiedene Kulturen leben hier richtig friedlich miteinander. Natürlich gibt es auch immer wieder Streitigkeiten, aber im Großen und Ganzen ist es ein sehr schönes Zusammenleben. Man muss auch sagen, dass man hier ohne dieses soziale Netzwerk wahrscheinlich nicht lange überleben würde. Einzelkämpfer wie wir es in Europa oft sind, hätten in so einem Lager keine großen Chancen. 


Wir besuchten im Camp ein kongolesisches Restaurant. Das Essen war super lecker und noch dazu irrsinnig günstig. Für umgerechnet einen Euro bekommt man eine Mahlzeit, die nicht einmal zwei Leute gemeinsam schaffen aufzuessen. Danach ging es in ein äthiopisches Restaurant und ich bekam meinen ersten äthiopischen Kaffee - sehr, sehr lecker. Umgerechnet 15 Cent kostet eine Tasse äthiopischer Macchiato. Im Restaurant saßen nur Männer, doch sie störte es wenig, dass ich da war. Eher im Gegenteil, ich wurde herzlich begrüßt und willkommen geheißen. 


Kongolesisches Essen "Sombe" mit Ugali

Äthiopischer Macchiato


Auf den Straßen werde ich zwar neugierig gemustert, jedoch ist keiner der in irgendeiner Weise aufdringlich wäre. Da habe ich in anderen Regionen Kenias bereits viel Schlimmeres erlebt. Ich muss wirklich sagen, dass ich mich sehr sicher fühle hier. 


Das Turkana Dorf

Am späteren Nachmittag meines ersten Tages, wanderten Jonathan, seine Nachbarin Fatma und ich zu einem kleinen Turkana Dorf, gleich außerhalb von Kakuma. Dort leben Menschen ganz traditionell in ihren Manyattas (=Strohhütten) ohne Strom oder sonstigem Luxus. In den Hütten befindet sich ledglich ein Kuhfell, auf dem sie schlafen. Gekocht wird draußen über offenem Feuer. Anfangs meinten die Turkana wir seien von einer Hilfsorganisation und würden Spenden bringen. "Muzungus" werden hier sowieso oft mit Spenden in Zusammenhang gebracht. Zum Glück haben wir ein paar Süßigkeiten als Geschenk mitgenommen und wurden somit freundlich empfangen. Fatma fungierte als Übersetzerin, da sie die einzige ist, die die Sprache der Turkana versteht und spricht. 






Am Abend fiel ich todmüde ins Bett. Die Hitze macht mir weiterhin sehr zu schaffen. Den ganzen Tag hat man einen Schweißfilm auf der Haut. Durch das ständige Schwitzen trocknet der Körper richtig aus. Man kann nur schwer so viel trinken, wie man rausschwitzt. Zudem ist das Leitungswasser hier ziemlich verschmutzt und sollte nur abgekocht getrunken werden. Das abgepackte Wasser in den kleinen Shops ist leider recht teuer. Ich muss zugeben, dass ich hin und wieder auch etwas von dem Leitungswasser getrunken haben - zu groß war der Durst. 


Wenn die Nacht hereinbricht wird es plötzlich stockdunkel. Es gibt keine einzige Straßenbeleuchtung und zudem oft keinen Strom. Richtig unheimlich. Meine erste Nacht verlief nicht sonderlich gut. Es kühlt in den Wellblechhütten gefühlt gar nicht ab. Ich konnte fast nichts schlafen. Was noch hinzu kommt sind Unmengen an Moskitos. 


Am nächsten Morgen war Fatma bereits dabei Chapati fürs Frühstück vorzubereiten. Später füllte sie Leitungswasser in kleine Plastiktüten ab. Ihre Schwiegermutter hat nämlich einen Gefrierschrank. Dort friert sie die Tüten ein und und verkauft sie dann am nächsten Tag für 30 Ksh pro Stück. Ich denke, Fatmas Schwiegermutter ist die Einzige hier in der Nachbarschaft, die überhaupt einen Gefrierschrank besitzt. Durch die ständigen Stromausfälle, kann man auch schlecht Lebensmittel einfrieren. 


Abendwanderung

Am Abend des zweiten Tages wanderten Jonathan, Yusuf, Fatma und ich zu einen kleinen Berg, um dort den Sonnenuntergang zu genießen.


Ich, Fatma, Yusuf und Jonathan


Party im Flüchtlingslager 

Nach unserer Wanderung war heute Bier-Abend angesagt. Es kamen noch ein paar von Jonathans kongolesischen Freunden vorbei. Es klingt irrsinnig lustig wenn sich in einer Mischung aus Englisch, Kongolesisch und Swahili miteinander unterhalten. Als die Frauen einige Drinks intus hatten begannen sie ausgiebig ihre Hüften zu schwingen . Da konnte ich auf keinen Fall mithalten *lach*. Wie ich herausgefunden habe, geht es hier sowieso oft recht wild zu. Die Frauen haben häufig Kinder von verschiedenen Männern. Verhütungsmittel gibt es nicht wirklich. Zudem habe ich gehört, dass Frauen oft mit Männern schlafen, um von ihnen zu finanziert zu werden, da sie als Frau weniger Chancen haben, Geld zu verdienen. Wie oft das so wirklich der Fall ist, habe ich leider nicht herausgefunden. Auf alle Fälle verbrachten wir einen super lustigen Abend und es wurde viel gelacht. 

Fatma beim Öffnen des Biers mit den Zähnen ;)


Was ich auch noch sehr interessant fand ist, dass sich die Frauen hier oft noch eine riesige Menge Öl über das Ugali (=Maismehlbrei) schütten. Und man muss sagen, dass sie für unsere Verhältnisse schon meistens nicht unter die Kategorie "schlank" fallen. Doch hier ist es tatsächlich umso schöner, je mehr Rundungen eine Frau hat. Die Ernährung ist zwar irrsinnig einseitig und die Menschen sind deshalb großteils auch mangelernährt, aber an Kalorien mangelt es dafür oft nicht. 


Nächster Plan: Eliye Springs

Auch die zweite Nacht verlief nicht viel besser für mich. Die Kombination aus Hitze und Moskitos bereitete mir erneut eine schlaflose Nacht. Da ich mich körperlich bereits recht ausgelaugt fühle, sollte es nun weitergehen direkt an den Turkana-See. Jonathan möchte mich begleiten. Ich finde es wirklich schade, das Flüchtlingslager so früh schon wieder verlassen zu müssen, aber meine Gesundheit geht in dem Fall vor. Diese drei Tage werde ich jedenfalls nie vergessen. Sie zählen eindeutig zu meinen größten Abenteuern, die ich auf Reisen erleben durfte. Nicht viele bekommen so einen tiefen Einblick in das Alltagsleben im Flüchtlingslager und können da mittendrin live dabei sein. 


Turkana Frauen in Kakuma





=> Hier findest du noch mehr Fotos und Videos von Kakuma <=






8 Kommentare:

  1. Liebe Michi,
    von dieser Reise hast du sicher unfassbar viele und sehr interessante Erinnerungen in deinem Herzen.
    Mit Urlaub haben Deine Touren für mich nichts zu tun. Zumindest nicht, was man klassische unter Urlaub versteht. Du bist auf Reisen um die Menschen und besondere Regionen zu erkunden. Und Couch-Surfing in Kakuma ist sicher etwas ganz einzigartiges.


    Danke für die interessanten und aufklärenden Eindrücke.
    Viele Grüße, Katja

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    1. Hallo Katja

      Ja da hast du recht, meine Reisen fallen bestimmt nicht unter die Rubrik des klassischen "Urlaub machens". Aber genau diesen abenteuerlichen Reisestil liebe ich. Trotzdem muss ich zugeben, dass ich mir hin und wieder eine gemütliche Unterkunft nehme und einfach nur entspanne ;)

      Liebe Grüße aus Kenia

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  2. Liebe Michi,

    danke für diesen einzigartigen Bericht! Das muss mal wieder eine grandiose Erfahrung gewesen. Auch wenn du unter der Hitze und den Moskitos gelitten hast, behältst du am Ende sicher nur das Positive langfristig in Erinnerung.

    Ganz liebe Grüße
    Barbara

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    1. Liebe Barbara

      Oh ja, die Reise nach Kakuma war auf alle Fälle ein absolut positives und vergessliches Erlebnis, das ich auf gar keinen Fall missen möchte.

      Liebe Grüße :)

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  3. Liebe Michi,
    Ich bin so begeistert. Von deiner Reise, deiner Reiseart, deinem Mut und diesem Beitrag. Ich verbringe ja selbst mehrere Monate im Jahr in Kenia und war auch schon einige Tage in Dadaab, dem vor Kakuma größten Flüchtlingslager des Landes. Wenn ich nur an die ganzen Sicherheitskontrollen denke - da kommt man schlicht gar nicht auf das Gelände. Umso schöner, dass du diese Erfahrung auf diesse Art in Kakuma machen konntest. Ich glaube, ich wäre nie auf die Idee gekommen, in Kakuma nach einem Couchsurfing-Host zu suchen. Vielleicht sollte ich das doch auch mal in Betracht ziehen. Es ist noch einmal eine ganz andere Art, einen Ort und seine Menschen kennenzulernen - vor allem ein Ort, den man als normaler Mzungu eher nicht sieht.
    Liebe Grüße von Miriam von Nordkap nach Südkap

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    1. Liebe Miriam

      Vielen, vielen lieben Dank für deinen Kommentar und die lieben Worte. Also falls du wirklich nach Kakuma zum Couchsurfen willst, kann ich dir ganz gerne die Kontaktdaten meines Gastgebers geben. Der freut sich immer sehr über Besuch, denn besonders oft verirren sich keine Touris in diese Gegend ;)

      Liebe Grüße,
      Michaela :)

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  4. Dein Bericht zeigt mal wieder... es gibt wirklich einen Unterschied ob man Urlaub macht oder eben auf Reisen ist. ;) Und es zeigt, nur wer die Welt bereist, kann sie wirklich verstehen. Vielen Dank für diesen unfassbar faszinierenden Einblick. Es hört sich wirklich etwas abenteuerlich an aber sehr spannend. Ich überlege gerade noch, ob ich mich trauen würde. ;) Viele Grüße, Tanja

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    1. Da ich früher auch öfter Pauschalreisen oder einfach "Urlaub" gemacht habe, kann ich dir nur völlig zustimmen. Die Art zu reisen wie ich es jetzt hauptsächlich mache ist so gut wie gar nicht damit vergleichbar! Ich liebe den abenteuerlichen Reisestil und direkt mit den Einheimischen zu leben. Zwischendurch gönne ich mir dann aber auch mal ein paar entspannte Tage in einem Hotel ;)

      Liebe Grüße,
      Michaela

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