Diesmal habe ich gleich vier Sektionen aneinandergereiht, ohne einen Erholungstag dazwischen. Das war nicht direkt so geplant, sondern hat sich eher einfach so ergeben, da die Etappen recht kurz waren.
Die Tage waren heiß, die Nächte meist eisig kalt. Morgens stand ich vor einem eingefrorenen Zelt, tagsüber lief mir der Schweiß aus sämtlichen Poren. Dazwischen Vulkane, Araukarien, staubige Wege, wegloses Gelände - und immer wieder ein paar schöne Begegnungen.
Am Ende ging mir der Proviant aus, so dass ich die Route ein bisschen ummodellieren musste. Mit Hunger kann ich nämlich leider sehr schlecht umgehen.
Sektion 9
Montag, 12. Januar 2026
Am Morgen ging es mit dem Bus von Antuco zurück nach Abanico - dort, wo ich zwei Tage zuvor Sektion 8 beendet hatte. Ich war ziemlich gespannt, ob der Bus überhaupt kommen würde, denn im Dorf konnte mir niemand eine vertrauenswürdige Information über die Abfahrtszeiten sagen. Aber ich hatte Glück - irgendwann kam er tatsächlich.
Ich entschied mich für eine Route in tieferen Lagen, ohne Bergpass oder Grat. Am Nachmittag war Regen und eventuell Gewitter angesagt, und ich wollte auf keinen Fall noch einmal weit oben und ausgesetzt in ein Unwetter geraten.
Zuerst ging es eine unbefestigte Straße entlang. Ich hatte noch einmal Glück, denn ich konnte per Anhalter bei fünf Bauarbeitern ein Stück mitfahren - bis zur Laguna Laja. Wir mussten durch eine Nationalpark-Kontrolle, aber man hat kein Ticket von mir verlangt. Wahrscheinlich, weil ich mit den Arbeitern im Auto saß.
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| Laguna Laja |
Danach folgte der Weg dem Ufer der Laguna Laja, einmal rund um den Vulkan Antuco. Entlang der Strecke stehen viele Gedenkmonumente für 44 Soldaten, die hier 2005 bei einem Schneesturm ums Leben gekommen sind.
Als ich schon einige Kilometer in den Beinen hatte, kam tatsächlich noch einmal ein Auto. Wie so oft fuhr es zuerst vorbei, dann hielt es an und kam im Rückwärtsgang retour. Drinnen saßen drei Männer - Vater, Sohn und Großvater -, die einfach aus Spaß durch die Gegend fuhren, um die Landschaft zu erkunden. Sie boten mir an mich ein Stück mitzunehmen, was ich dankend annahm.
Später ging es auf einem Pferdetrail weiter. Es begann leicht zu regnen, aber zum Glück nicht stark, und das Gewitter blieb aus. Gott sei Dank! Mein Camp schlug ich auf einem Pass auf etwa 2.000 Metern Höhe auf, wo ich eine schöne, flache Wiese fand.
Dienstag, 13. Januar 2026
Die Nacht war eiskalt, genauso wie der Morgen. Mein Zelt war komplett eingefroren. Dieser ständige Wechsel aus schweißtreibend heißen Tagen und eisig kalten Nächten ist schon interessant. Tagsüber träume ich von der kalten Nacht, nachts dann wieder von ein bisschen mehr Wärme.
Heute ging es hinunter das Mapuche-Dörfchen Trapa Trapa. Die Mapuche sind die ursprünglichen Bewohner großer Teile von Südchile und Argentinien. Ihr Name bedeutet „Menschen der Erde“, und genau so leben sie auch: sehr eng verbunden mit der Natur, den Bergen, Flüssen und Wäldern. Über Jahrhunderte hinweg haben sie sich erfolgreich gegen Eroberer verteidigt - zuerst gegen die Inka, später gegen die Spanier. Viele Mapuche leben bis heute in kleinen, oft abgelegenen Dörfern und halten an ihren Traditionen, ihrer Sprache und ihrer einfachen, selbstversorgenden Lebensweise fest. Die Natur gilt für sie nicht als Besitz, sondern als etwas, das man respektiert und schützt.
Viel gab es in Trapa Trapa nicht, aber ich fand einen kleinen Minishop und konnte mir zumindest ein paar Snacks kaufen.
GPT09 - Technische Daten:
• Distanz: 40 km
• Höhenmeter: 941 m
• Dauer: 1,5 Tage
=> Hier findest du alle meine Fotos der 9. Sektion des GPT <=
Sektion 10
Gegen 14 Uhr startete ich nahtlos in die Sektion 10. Der Weg führte hinauf in ein Tal mit unglaublich vielen Puestos (= einfache Unterkünfte, meist Holzhütten). Hier in dieser Gegend sind im Sommer nicht nur die Arrieros in den Bergen, sondern oft gleich die ganze Familie, um die Tiere zu hüten. Ich traf auf massenweise Schafe, Ziegen, Pferde und Kühe. Zum Glück wirkten die Tiere hier halbwegs friedlich.
Mittwoch, 14. Januar 2026
Der Tag begann mit einem steilen Aufstieg und einer längeren, wunderschönen Gratwanderung mit Blick auf schneebedeckte Vulkane.
Die Natur veränderte sich wieder deutlich. Plötzlich tauchten die faszinierenden Araukarien auf. Es handelt sich dabei um uralte, fast schon prähistorisch wirkende Bäume. Mit ihren dicken Stämmen und den steifen, schuppenartigen Nadeln sehen sie aus, als kämen sie aus einer anderen Zeit. Besonders sind sie, weil sie extrem widerstandsfähig sind, bis zu über 1.000 Jahre alt werden können und für die Mapuche eine große kulturelle Bedeutung haben - ihre Samen stellen eine wichtige Nahrungsquelle dar. Sie schmecken scheinbar ähnlich wie Maroni. Leider werden sie erst ab Mitte Februar reif.
Am späten Nachmittag kam ich bei der Laguna El Barco an. Dort gibt es tatsächlich einen Campingplatz, da eine unbefestigte Straße hinführt. Kosten: 8.000 CLP. Ich war überrascht, wie viel los war - und das an einem Mittwoch.
Man konnte Tortillas, Sopapaillas, Snacks und Getränke kaufen, allerdings sehr limitiert. Zum Trinken gab es zum Beispiel nur Fanta. Ich probierte meine erste Sopapailla - sie erinnerte mich an österreichische Krapfen. Der 11-jährige Alvaro, der Sohn der Sopapaillas-Verkäuferin, verfolgte mich wie ein Hündchen und löcherte mich mit Fragen zu meiner Wanderung. Er war völlig fasziniert.
Donnerstag, 15. Januar 2026
Früh morgens kam tatsächlich Alvaro zu meinem Zelt, um sich von mir zu verabschieden. Zum Schluss umarmte er mich einfach. Das war wirklich herzerwärmend.
Es ging über einen Schotterweg in das Dörfchen Guallalí. Ein Einheimischer, der mit dem Auto an mir vorbeifuhr, rief mir zu, ich solle unbedingt bei dem Holzhaus von Romina anhalten und dort etwas essen.
Als ich das Dorf erreichte - es besteht aus gerade einmal fünf Häusern -, fuhr die Dorfpolizei an mir vorbei und fragte, was ich hier mache. Ich erklärte ihnen im Groben meine Route. Sie waren zufrieden und fuhren weiter.
Ich fand das beschriebene Holzhaus. Nach mehrmaligem Rufen kam Romina heraus. Sie zeigte mir ihren kleinen Minishop und bot mir sogar an, ein Mittagessen zu kochen, wenn ich eine Stunde Zeit hätte - die hatte ich natürlich. Sie bereitete mir einen jungen Schafbock mit Kartoffelpüree und Salat zu, dazu gab es selbstgemachte Limonade.
Romina erzählte mir, dass sie hier mehr oder weniger als Selbstversorger leben. Alles kommt aus dem eigenen Garten und das Fleisch von den eigenen Tieren. Erst seit 11 Jahren gibt es Strom im Dorf und alle sind miteinander verwandt. Auf meine Frage wieso es so viele kleine Polizeiposten in dieser Gegend gäbe, erklärte sie, dass das wegen der nahen argentinischen Grenze sei. Es komme immer wieder zu Viehdiebstählen, deshalb patrouilliert die Polizei regelmäßig zu Pferd entlang der Grenze.
GPT10 - Technische Daten:
• Distanz: 54 km
• Höhenmeter: 1.627 m
• Dauer: 2 Tage
=> Hier findest du alle meine Fotos der 10. Sektion des GPT <=
Sektion 11
Mit ziemlich vollem Bauch machte ich mich gegen 14:30 Uhr wieder auf den Weg. Hier begann nun offiziell Sektion 11. Unterwegs traf ich mehrere Arrieros, die mich immer wieder vor Pumas und Wildschweinen warnten.
Am Abend, als mein Zelt bereits stand und ich gerade Wasser holen war, kam plötzlich ein Arriero mit Pferd und Hund angeritten und inspizierte mein Zelt. Ich sprach ihn an und fragte, ob es okay sei, hier zu zelten. Er war super freundlich, heißt Jorge und wohnt in einem nahegelegenen Puesto. Ich war sehr froh, dass er mir wohlgesinnt war, denn ich hatte schon öfters gehört, dass manche Einheimische Fremde auf ihrem Land nicht dulden würden.
Freitag, 16. Januar 2026
Und wieder war mein Zelt am Morgen eingefroren, obwohl ich nur auf etwa 1.000 Metern Höhe war. Es dauerte, bis alles aufgetaut war, deshalb startete ich später als geplant. Beim Aufstieg traf ich erneut viele Arrieros - alle freundlich, jedoch wieder mit Warnungen vor Pumas und Wildschweinen.
Ich kam an mehreren Kuhherden vorbei, die mit gesenktem Kopf und hysterischem Muhen auf mich zukamen. Das wirkte alles andere als freundlich, also machte ich große Umwege, um ihnen auszuweichen. Danach folgte ein sehr steiler Aufstieg, und ich stellte mein Zelt auf etwa 2.000 Meter Seehöhe auf.
Samstag, 17. Januar 2026
Obwohl ich rund 1.000 Meter höher schlief als die Nacht zuvor, war es deutlich wärmer. Im Zelt hatte ich morgens etwa 5 Grad, und es war trocken - nichts eingefroren. Damit hatte ich nicht gerechnet.
Es ging heute großteils weglos voran, durch sehr steiles Gelände mit losem Gestein. Die Navigation war mühsam, ich musste ständig am GPS-Gerät schauen, ob ich mehr oder weniger richtig war. Dafür war die Landschaft einfach gigantisch. Alles hier ist wieder sehr vulkanisch, und stellenweise roch es stark nach faulen Eiern, weil schwefelhaltiger Dampf zwischen den Felsen aufstieg - ein unglaubliches Naturschauspiel.
GPT11 - Technische Daten:
• Distanz: 38 km
• Höhenmeter: 2.293 m
• Dauer: 2 Tage
=> Hier findest du alle meine Fotos der 11. Sektion des GPT <=
Sektion 12
Gegen Mittag ging es direkt in da die Sektion 12 über. Ich kam an heißen Quellen vorbei, die aber ziemlich verschlammt waren und nicht wirklich zum Baden einluden. Ein Bach war sogar so heiß, dass ich mir den Finger verbrannte.
Später kam ich zu besser hergerichteten heißen Quellen und freute mich schon auf ein Bad. Leider hatte ich Pech: Es war Samstag, und eine größere Ausflugsgruppe mit Pferden und Zelten war bereits dort. Also ging ich weiter. Mein Zeltplatz war eher mittelmäßig - ziemlich schräg, aber immerhin Wasser in der Nähe und etwas versteckt.
Sonntag, 18. Januar 2026
Ich kam wieder in tiefere Lagen und an massenweise Kuhherden vorbei, oft mit riesigen Bullen. Ich mache wie gesagt inzwischen immer große Umwege deswegen. Nicht selten fixiert mich ein Bulle mit gesenktem Kopf und scharrt dabei mit der Vorderhufe im Boden. Vermutlich kein gutes Zeichen.
Fast genauso aggressiv sind die Schlangen hier. Ich habe schon einige gesehen. Sie liegen oft einfach am Weg und bewegen sich nicht. Wirft man ein kleines Steinchen, verschwinden sie keineswegs, sondern kommen sogar noch auf einen zu. Sie sind scheinbar nicht giftig, aber sehr angriffslustig, und ein Biss kann üble Infektionen verursachen.
Die Wege waren heute extrem staubig. Der Staub geht durch Schuhe, Socken und Kleidung. Er ist in der Nase und in den Ohren - einfach überall. Man ist am Ende des Tages von Kopf bis Fuß dreckig, inklusive Rucksack. Meinen ersten Zeltplatz baute ich wieder ab, weil das Zelt sofort komplett eingestaubt war. Ich ging weiter, fand ein Stück Wiese, reinigte grob mein Zelt und wusch mich samt Kleidung. Viel bringt das nicht, spätestens morgen sieht alles wieder genauso aus.
Beim begutachten meines Proviants stellte ich fest, dass meine Essensreserven nicht bis zum Ende der Sektion reichen würden. Deshalb beschloss ich, am nächsten Tag eine andere Route zu nehmen, die in das Örtchen Lonquimay führt. Wenn ich Glück habe, kann ich einen Teil davon per Anhalter zurücklegen. Mit Hunger kann ich absolut nicht gut umgehen.
Montag, 19. Januar 2026
Zum Glück war der Weg heute weniger staubig, sodass ich nicht völlig verdreckt in dem Ort ankam. Es ging ewig lange Schotterstraßen entlang, und zunächst hatte ich keinerlei Chance, ein Auto anzuhalten - es war einfach niemand unterwegs.
Als ich an ein paar Farmen vorbeikam, rief mich plötzlich ein Mann. Ich erklärte ihm, dass ich nach Lonquimay wollte. Er meinte, dass gleich ein Bus kommen sollte und ich bei ihm im Schatten warten könne. Ich konnte es kaum glauben, aber tatsächlich kam keine zehn Minuten später ein kleiner Bus angerumpelt. Was für ein unglaubliches Glück!
GPT12 - Technische Daten:
• Distanz: 60 km
• Höhenmeter: 1.221 m
• Dauer: 2 Tage
Nun werde ich mir wieder ein paar Erholungstage gönnen und all die kleinen Annehmlichkeiten in vollen Zügen genießen, die man auf so einer Wanderung nicht hat.
Insgesamt am Greater Patagonian Trail:
• Distanz: 848 km
• Höhenmeter: 34.441 m
• Dauer: 41 Tage










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