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Samstag, 17. Juni 2017

Lama-Opferungsfest der Minenarbeiter in Potosí



Einmal im Jahr feiern die Minenarbeiter von Potosí ein Opferfest zu Ehren der Pachamama (=Mutter Erde). Bei dieser Zermonie wird das beste Lama geschlachtet. Die Arbeiter drücken damit ihre Dankbarkeit aus, am Leben geblieben zu sein und bitten, auch im kommenden Jahr von Unfällen verschont zu bleiben.



Dadurch, dass ich einen Einheimischen namens Omar kennengelernt hatte, habe ich die große Ehre gehabt, an diesem Fest teilnehmen zu können. Gegen Mittag traf ich mich mit Omar und einem Freund von ihm. Wir fuhren mit einem öffentlichen Bus zum Cerro Rico, den Berg mit den Minen.

Mineneingang, hier wurden später die zwei Lamas geopfert

Omar führte mich etwa 100 m in die Minen, dort entdeckten wir den Hüter der Minenarbeiter "Tio" (auf deutsch: Onkel). Er ist mit jeder Menge Kokablätter und kleiner Alkoholflaschen übersäht. Das große Geschlechtsteil steht für Fruchtbarkeit.

Die Opferfeste werden zumeist im kleinen Rahmen abgehalten, es gibt anscheinend über 500 Minen auf diesem Berg, und die Familien feiern jeweils vor ihren Minen. Als wir ankamen saßen etwa 10 Einheimische auf ihren Plastikstühlen neben zwei Lamas.

diese zwei süßen Tierchen wurden später geopfert

Kaum waren wir angekommen, wurden uns bereits zwei Bierflaschen geschenkt - hier gibt es diese in 1,25 Liter, ich habe noch nie so große Bierflaschen gesehen. Wir tranken das Bier aus kleinen Plastikbechern. Mir wurde erklärt, dass der erste Schluck des Bieres immer an die Pachamama gehe, das heißt bevor ich trinke muss ich immer einen Schuss Bier auf den Boden leeren. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen wie feucht der Boden von dem ganzen Bier schon war. Und da heute das Opferfest ist, wird auch ein Schluck Bier auf das Lama geschüttet. Die Lama waren übrigens am Rücken mit jeder Menge Kokablätter übersäht. Auch das gehört zu dem Ritual dazu. Da ich die einzige Ausländerin war, bekam ich recht viel Aufmerksamkeit - und somit auch ganz viel Bier - von Männern wie auch Frauen geschenkt. Ich versuchte somit immer recht viel an die Pachamama abzugeben.

                                                                             
<3




Später kamen ein paar Bergarbeiter aus den Minen. Ich habe schon einmal erwähnt, dass die Arbeitsbedingungen hier grausam sind und auch immer wieder viele bei Unfällen ums Leben kommen. Der jüngere der beiden sah maximal wie 14 Jahre alt aus. Beide konnten die Augen im grellen Sonnenlicht kaum öffnen. So, nun sollte es an die Opferung der beiden Lamas gehen. Sie wurden zum Mineneingang gebracht und dort festgebunden. Bier floss weiterhin in Massen. Und die Lamas wurden auch ordentlich damit getauft. Nun kam eine ältere Frau mit einer Schüssel und zwei scharfen Messern an. Nun war es soweit. Eine Gruppe Touristen kam gerade vorbei, da sie eine Minenführung hatten. Ein paar der Mädels begannen hysterisch zu schreiben, wie schrecklich das doch sei und die armen Lamas. Zuerst wurde das Maul der Lamas mit Kokablättern gestopft und danach noch ein ordentlicher Schluck Bier nachgeschüttet. Einige Männer fixierten das Lama nun, während einer anderer die Kehle durchschnitt. Das Blut wurde in Gefäßen aufgefangen. Jetzt war das zweite Lama dran. Man merkte, dass es sehr nervös war und wohl schon wusste was ihm blühte. Die toten Lamakörper zuckten noch ewig lange vor sich hin. Plötzlich krachte es unheimlich laut. Man erklärte mir, dass Sprengstoff gezündet wurde, dies mache man nach der Opferung.



die Lamas werden vor ihrer Opferung ordentlich mit Bier gespritzt


beim Aufarbeiten der Lamas


Nun begann erst das richtige Fest. Musik wurde lautstark aufgedreht und noch mehr Bier hervorgeholt. Ich konnte mich nur schwer von den ganzen Bierangeboten wehren. Und sie waren auch sehr hartnäckig. Wie froh war ich, dass Pachamama immer mittrank *lach*. Nun wurde begonnen, die Lamas aufzuarbeiten. Ich wurde fest eingespannt und half mit beim Abziehen des Felles. Als alles aufgearbeitet war, wurde das Fleisch auf den Griller geworfen. Wenig später bekam ich schon meinen Pappteller mit einem Brocken Lamafleisch drauf, seviert. Sehr lecker, bloß ein wenig zäh.



Der ganze Haufen wurde immer lustiger und auch betrunkener. Dies hatte zur Folge, dass die Männer sich völlig ungeniert an mich ranmachten. Als sie dann auch noch ernsthafte Eifersuchtsszenarien begannen, wer bei mir sitzen darf oder den Arm um mich legen darf, reichte es mir irgendwann. Die meisten dieser jungen Männer haben sowieso schon Frau und Kinder zu Hause. Ich begann ihnen in einer relativ hohen Lautstärke zu erklären, wie schrecklich ich das Ganze finde. Machismo hin oder her, das war nun zu viel. Ein einfaches nein, schienen sie nämlich gekonnt zu ignorieren. Nun war es kurz still und sie sahen sich betroffen an. Einer der jungen Männer, der sich besonders ins Zeug gelegt hatte, dampfte beleidigt ab. Ein anderer begann sich zu entschuldigen. Gut, nun war das auch einmal gesagt und siehe da es schien Wirkung gezeigt zu haben. Später ging ich mit einer kleinen Gruppe noch in eine Bergarbeiterbar. Sogar dort war massenweise Bier am Boden für die liebe Pachamama.

Fazit: Es war ein absolut unvergessliches und wirklich sehr authentisches Erlebnis, das eindeutig in meine spannendsten Reiseabenteuer mit eingeht. Ich habe wieder einmal so viel Gastfreundschaft erlebt und selten so ausgiebig feiernde Menschen gesehen.






Nichts für sanfte Gemüter:

=> Mehr Fotos und Videos zur Lama-Opferung <=




Kommentare:

  1. Interessanter Einblick, bei denen mir bestimmt schlecht geworden wäre. Könnte ich nie hinschauen, das arme Tier. Aber okay. Andere Länder, andere Sitten. Dennoch, toller Einblick mit Erinnerungen, die man so schnell nicht wieder vergisst.

    Alles liebe

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    1. Ja auf alle Fälle ein unvergessliches Erlebnis, das nicht jedermanns Sache ist.

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  2. Du warst vermutlich genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort solch eine Feier mal miterleben zu können. Die Schlachtung der Tier wiederum wäre nichts für mich gewesen, aber das ist Geschmackssache ...

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    1. Ja die Feier war wirklich unglaublich! Die Opferung der Lamas war jetzt nicht unbedingt etwas, was so sehr nach meinem Geschmack ist, aber auf alle Fälle ei unvergessliches Erlebnis und ein tiefer Einblick in die Kultur.

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